Peter Pohl über Du fehlst mir, du fehlst mir!
Aus dem Schwedichen von Birgitta Kicherer.
 
Im Herbst 1990 erhielt ich einen Brief von Kinna Gieth, die damals vierzehn war. Sie erzählte darin, sie habe mit ihrer Zwillingsschwester Jenny mein Buch über Anette gelesen, und der Teil der Erzählung, der davon handelt, wie Anettes Zwillingsschwester stirbt, habe sie beide stark berührt. Kinna und Jenny hätten darüber gesprochen, wie unmöglich es sei, weiterzuleben, wenn die andere sterben sollte ... und dann sei ein paar Wochen später genau dieses Unmögliche eingetreten: Jenny kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben! Jetzt, ein halbes Jahr nach dem Unfall, schrieb Kinna mir also und fragte, ob ich mir vorstellen könne, mit ihr zusammen ein Buch über sie beide, Kinna und Jenny, zu schreiben, über den Tod, der zu ihnen gekommen sei,
und darüber, wie das Leben für die Übriggebliebene weitergehen mußte, obwohl das eigentlich unvorstellbar war. Sie wolle ihre verlorene Schwester irgendwie ehren und glaube, meine Art zu schreiben könne dazu beitragen, daß die Erzählung anderen mit ähnlichem Kummer als Trost dienen könne.
      Ich zögerte sehr, fürchtete vielleicht, in etwas hineingezogen zu werden, was ich nicht würde bewältigen können. Kinnas Brief hatte so verzweifelt geklungen, aber er war ja ein Notruf, und ich fühlte, daß ich etwas tun mußte. Vielleicht würde nie ein Buch daraus entstehen, aber die Arbeit am Text würde Kinna wahrscheinlich bei der Bewältigung ihrer Trauer helfen, überlegte ich.
Nach und nach lernte ich sie gut kennen. Ich erhielt Briefe, Kinnas und Jennys Tagebücher, Gedichte, Novellen usw., wir trafen uns und unterhielten uns, ich lernte Kinnas Ungebung kennen, und allmählich sah ich, wie das Buch geschrieben müßte. Im Sommer 1991 war es soweit, ich konnte anfangen. Es folgte eine Zeit der intensivsten Arbeit an einem Text, der mich immer wieder überwältigte. Kinnas Bericht verwob sich mit meinen eigenen, ähnlichen Erfahrungen, und das machte es mitunter unerhört schmerzlich, diese Erzählung zu schreiben.
    Wir hatten vereinbart, daß ich Kinnas Wirklichkeit nicht detailgetreu wiedergeben sollte, einiges mußte geändert werden, auch aus Rücksicht auf Familie und Freunde.
Aber dennoch mußte die Erzählung in eigentlichen Sinn "stimmen", daher durfte Kinna das, was ich geschrieben hatte, laufend lesen, sie äußerte sich über den Text und protestierte, wenn es "falsch" war. Denn das kam natürlich immer wieder mal vor. Die Schwierigkeit bei dieser Arbeit lag darin, Kinnas nackte Erzählung und Verzweiflung in Literatur zu verwandeln.  Damit dies gelang, mußte ich einiges hinzufügen und auch weglassen, die Verwandlung in Literatur durfte aber dennoch keine Verfälschung bedeuten.
       Kinna war während dieser Arbeit unerhört tüchtig. Es kann nicht einfach sein, sich einem Fremden so zu öffnen, wie sie es getan hat. Für mich war es jedoch ein unglaubliches Geschenk: ein Mensch, der mich auf diese Art gesucht hatte und mir seine Seele zeigte.
 

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