Peter Pohl über Peter Pohl
(übersetzt von Daniel Roth, Bonn 1996)

Immer mehr Leute fragen mich, wer ich bin, warum ich schreibe und dergleichen, und deshalb habe ich nun eine Antwort auf solcherlei Fragen zusammengestellt. Solch eine Antwort zu erhalten, ist vielleicht etwas trist und unpersönlich, aber ich schaffe es ganz einfach nicht mehr, auf eine schöne und persönliche Art Dinge über mich selbst mitzuteilen. Ich hoffe daher, daß du Verständnis dafür hast. Die Zeit, die ich auf diese Weise spare, wird, so hoffe ich, den Büchern zugute kommen, an deren Entstehen ich gerade arbeite. Ich bin nämlich meistens damit beschäftigt, an einem oder mehreren Manuskripten zu schreiben, und das fordert seine Zeit.
 

Mit Schreiben beschäftige ich mich in meiner Freizeit, von Beruf bin ich Lehrer: Hochschullektor an der Technischen Hochschule in Stockholm, wo ich in numerischer Analyse unterrichte, einem Fach, das mit praktischer Mathematik, Berechnungen und Resultatkontrolle von Computern zu tun hat, also auch Computerkentnisse und Programmieren umfaßt. Damit habe ich mich seit etwa 1966 befaßt.
       Jetzt habe ich vielleicht am Ende statt am Anfang der Beschreibung begonnen. Besser so: Ich wurde 1940 in Deutschland geboren. Während des damaligen Krieges, des Zweiten Weltkrieges, starb mein Vater. Im Zusammenhang mit dem Ende des Krieges nahm mich meine Mutter, die Schwedin war, mit sich nach Schweden. Hier bin ich also aufgewachsen. Ich war vier Jahre alt, als ich hierher kam und lernte schnell Schwedisch zu sprechen --- als ich 1947 mit der Schule anfang, konnte niemand hören, daß ich nicht in Schweden geboren war. Da ich gut in der Schule war, war es natürlich, daß ich nach der vierten Klasse auf die höhere Schule kam. Ich landete auf der Södra Latin-Schule, die ich acht Jahre, bis zum Abitur, besuchte. Meine Fächer waren vor allem Mathe und Physik, aber ich bekam auch in Schwedisch gute Noten. Ich interessierte mich für Sport, widmete mich dem Laufen, Mittelstrecke, und erreichte gute Ergebnisse und Plazierungen, bis ich mit 19 Jahren mit dem Wettkämpfen aufhörte. Dadurch, daß ich einige Zeit in Södra Latins Sommerheim (ein Art Sommerferienkolonie für die Schüler) verbrachte, fand ich schon früh Interesse an Jugenfragen. Ich begann mit 15 Jahren als Jugendleiter und setzte diese Tätigkeit bis 1970 fort.
       Nachdem ich mein Abitur abgelegt und meinen Wehrdienst abgeleistet hatte, begann ich an der Universität mit Studien in Mathematik, Physik und benachbarten Fächern. Ich machte recht bald meinen Abschluß. Ich fing 1963 als Forschungsassistent bei der Forschungsanstalt der Verteidigung an und stieg zum Forschungsingenieur auf, bald jedoch hatte ich genug davon und wechselte an die Technische Hochschule, um dort zu lehren und zu forschen, setzte meine Studien fort und promovierte 1975 in numerischer Analyse.

Die ganze Zeit über habe ich, neben all diesem, geschrieben. Schon als Sechsjähriger wollte ich für alles die richtigen Wörter finden, um Dinge, die ich erzählen oder an die ich mich erinnern wollte, auszudrücken. Vieles wollte ich erzählen, und vieles, das ich entschlossen war, niemals zu vergessen. Deshalb war es natürlich es niederzuschreiben, oder solche Überlegungen niederzuschreiben, die mir durch den Kopf gingen, wenn etwas passierte. Vielleicht sollte man das Buch, in das ich dies alles schreib, Tagebuch nennen, oder Gedankenbuch. Wie auch immer man es nennen mag, im Laufe der Jahre wurde sehr viel hineingeschrieben, denn ich hörte mit diesem Schreiben nie auf.
       Als ich klein war, gab es viele, die sagten, so wie ich jetzt schon dabei sei, würde ich sicherlich einmal Schriftsteller werden. Und ich machte mir selbst solche Hoffnungen. Aber da ich viel las, konnte ich als ich etwas älter wurde, selbst sehen, daß das, was ich schrieb, den Anforderungen nicht genügte. Ich brauchte niemanden um Rat zu fragen, ich sah selbst, daß die Wörter, der ich schrieb, nicht einmal in die Nähe dessen kamen, was ich im Kopf hatte. Dann und wann versuchte ich mich darin, Texte, die ich einige Jahre früher geschrieben hatte, umzuarbeiten und zu verbessern. Aber sie wurde dadurch nicht besser.
      Schon mit 13 Jahren beschäftigte ich mich intensiv mit der Fotografie. Ich meinte, ich sähe durch die Kamera eine andere Wirklichkeit, und je älter ich wurde, desto ernstere Versuche unternahm ich, das Bemerkenswerte zu beschreiben, das ich sah. Aber mit meinen Fotogeschichten war ich ebenso unzufrieden wie mit meinem literarischen Versuchen.
       Gerade bevor ich 40 wurde, kam ich darauf, diese beiden Interessen miteinander zu verbinden, und ich begann damit, mich dem Filmen zu widmen. Ich studierte viel Filmtheorie, lernte jedoch vor allem indem ich selbst filmte. Es gelang mir gut, ich bekam verschiedene Preise und Auszeichnungen, und meinte, endlich mein richtiges Ausdrucksmittel gefunden zu haben. Durch meine Arbeit am Film lernte ich die Kunst, meine Gedanken hervorzuheben und sie für andere deutlich zu machen. Diese Kunst handelt viel davon, daß man wagt wahrhaftig und ehrlich zu sein, etwas, auf das ich mich früher nicht verstand.
       Ich fühlte, daß ich es nicht schaffen würde, alles zu filmen, was ich erzählen wollte, und so kehrte ich dahin zurück, darüber zu schreiben. Und jetzt löste sich etwas. Durch das Filmerzählen hatte ich meinen Stil gefunden. Ich ging 1983 in die Schriftstellerwerkstatt des Literaturverbandes Wortfront und konnte feststellen, daß dieser Stil, mein Stil, wirklich funktionierte. Als Abschluß grub ich eine alte Erzählung aus dem 50ern aus, staubte sie ab und bearbeitete sie. Die Kameraden in der Schriftstellerwerkstatt waren unglaublich begeistert und ermunterten mich weiterzuarbeiten, und 1985 debütierte ich als Schriftsteller mit Jan, mein Freund.
       Etwas enttäuscht war ich schon, daß die Welt in September 1985 kein Feuerwerk für mich veranstaltete, doch ich hatte keine Zeit, darüber nachzugrübeln, denn ich hatte schon das nächste Manuskript beim Verlag abgeliefert, Der Regenbogen hat nur acht Farben, und schrieb bereits am nächsten Buch, Nennen wir ihn Anna. Aber im Frühling 1986 wurde man schließlich auf Jan, mein Freund aufmerksam. Ich erhielt den Debütantenpreis der Literaturförderung und die Nils-Holgersson-Medaille, eine Auszeichnung, deren Wert ich erst zu schätzen lernte, als ich erfuhr, welche Reihe von Schriftstellern ihn vor mir erhalten hatten.
       Die beiden Bücher erschienen im Herbst 1986 bzw. 1987. Der Regenbogen hat nur acht Farben, als Erwachsenenroman erschienen, wurde nur wenig beachtet, und auch dann zuweilen mit recht mißmutigen Kommentaren bedacht. Ich erzähle darin über die Jahre unmittelbar nachdem ich nach Schweden kam. Der Text steht mir also sehr nahe, und daher berührte mich die Gleichgültigkeit, mit der er aufgenommen wurde, ziemlich schmerzhaft. Auf umso heftigere Reaktionen stieß Nennen wir ihn Anna, worin ich von einem Jahr in Södra Latins Sommerheim erzähle, meinem letzten Jahr auf Södra Latin.
Das Buch handelt unter anderem davon, wie Anders (genannt Anna) zu Tode gemobbt wird.
       Die Diskussionen darüber, ob das Buch für Jugendliche geeignet sei oder nicht, schenkte ich kein größeres Interesse, denn ich schrieb an der Fortsetzung zu Der Regenbogen hat nur acht Farben. Zwichen diesem Buch und Nennen wir ihn Anna liegt ja eine Lücke von neun Jahren, und da gab es viel zu erzählen. Inzwichen hatte die Zeit jedoch mich und mein Schreiben eingeholt. Leute nahmen Kontakt mit mir auf und so wurde ich in die Gegenvart hineingezogen, auf eine Art, die mich dazu brachte, daß ich das abbrach, womit ich gerade beschäftig war, und, innerlich sehr aufgewühlt Alltid den där Anette! (Immer diese Anette!) schrieb (erschienen 1988). Es ist ein schulkritische Erzählung, die in der Jetztzeit spielt. Ich bekam bald zu spüren, daß es ganz und gar nicht dasselbe ist, Gegenwärtiges zu kritisieren, als solchen Dingen kritisch gegenüber zu stehen, die vor zwanzig oder dreißig Jahren geschehen sind. Ich mußte den Verlag wechseln, damit das Buch überhaubt erscheinen konnte, und als es heraus war, wurde es ziemlich verrissen. Abgesehen davon war es vollkommen still um einen Kurzroman, den ich im selben Jahr herausgebracht hatte, Havet inom oss (Das Meer in uns), der ein ziemlich tragisches Frauenschicksal behandelt, in das ich Einblick gehabt hatte, und von dem ich unbedingt erzählen mußte und auch schon in einem Film, einige Jahre früher, erzählt hatte, Resan till havet (Die Reise zum Meer).
       Die Fortsetzung ist eigentlich nicht mehr als eine Aufzählung von Buchtiteln, und diesen Teil von mir, so glaube ich, kann jeder in seiner Bibliothek ohne weiteres finden.

Und nun noch einige Dinge, nach denen ich oft gefragt werde:
       Ich schreibe hauptsächlich am Computer, mit einer Textverarbeitung also, habe aber keine Schwierigkeiten, mit der Hand zu schreiben, wenn es nötig ist. Das Geschriebene bearbeite ich jedoch stets am Computer. Ich schreibe gerne sehr lange am Stück, eine ganze Nacht lang kann das so ohne Pause gehen, wenn ich in der Laune dazu bin. Aber ich komme auch gut damit zurecht, nur für eine kurze Weile zu schreiben. Ich habe keine Schwierigkeiten, damit in Gang zu kommen, brauche mich nicht zu sammeln, nachzudenken, Kleider zu wechseln, Kaffee zu trinken oder dergleichen, wodurch, wie ich gehört habe, einige es schaffen, ihre Schreibzeit davonrinnen zu lassen. Vermutlich erledige ich diese Kräftesammlung unbewußt, wenn ich von meiner Arbeit als Lehrer fort vom Computer gezwungen werde.
       Ich beginne nie damit, ein Buch zu schreiben, bevor ich weiß, wie es enden soll. Dann, wenn es also losgeht, habe ich (im Kopf oder niedergeschrieben) einen groben Plan für die Handlung. Meistens schreibe ich zuerst die Abschnitte, für die ich am meisten Eifer habe, lege sie dann in die richtige Reihenfolge und fülle dann die Zwischenräume aus. Vereinzelt passiert es auch einmal, daß ich ein Buch in der Reihenfolge der Handlung schreibe. Wie die Ganze auch immer zustandegekommen ist, verwende ich dann eine beträchtliche Zeit drauf, das Manuskript durchzusehen und zu ändern: hinzufügen, weglassen, besser formulieren. Ich messe gerade den Formulierungen großes Gewicht bei, und gebe nicht nach, bevor ich zufrieden bin, das heißt, bis es mir gelungen ist, genau das auszudrücken, was ich von Anfang an sagen wollte. Während dieser Zeit denke ich nicht an einen bestimmten Leser. Ich pflege zu sagen (und so ist es auch) daß ich mich an mich selbst richte, den Jungen, der ich einmal war, der in die Bibliothek ging und versuchte das "Buch, das das Dasein erklärt" zu finden. Ich kümmere mich also selbst nicht darum, ob ich auf diese Weise ein Buch für Jugendliche oder eins für Erwachsene schreibe, das ist etwas, das der Verlag entscheiden muß.
      Wie vielleicht hervorgeht, kommt das Material und der Anstoß für mein Schreiben aus der Wirklichkeit. Meine Tagebücher, Gedankenbücher und frühen Schreibversuche sind eine unglaublich reiche Quelle um daraus zu schöpfen, wenn ich von der Vergangenheit erzähle. Ich bearbeite dieses Material natürlich um einiges, aber ich brauche nicht viel zu phantasieren, meine ich.
       Ich habe immer noch viel zu erzählen übrig, aber ich beabsichtige nicht, deshalb meine Arbeit an der Technischen Hochschule zu beenden. Ich glaube, daß es für mich als Schriftsteller wichtig ist, mit im gewöhnlichen Alltagsleben zu leben und die Menschen leben zu sehen und zu hören. Und das eine oder andere in diesem Alltag inspiriert dann ja zu neuem Schreiben. Das Buch Man har ett snärj (Man hat so seine Mühe) hat einen solchen Hintergrund. Diese Geschichte wäre mir niemals eingefallen, wenn ich mich in meiner Schreibstube eingeschlossen hätte.
       Das Filmen blieb in dem Moment stecken, in dem ich meinen literarischen Stil fand. Der letzte Film, den ich drehte, Det blir bättre nästa gång (Das nächste Mal wird es besser), 1991, war sehr erfolgreich, besonders im Ausland. Aber es wird wohl kein "nächstes Mal" mehr geben.

Seit 1969 wohne ich in einer Villa in Tyresö, südlich von Stockholm, mit Ehefrau und Tochter und Katze und Hund. Ich lese viel Sachliteratur und Belletristik (kein bestimmter Lieblingsautor), gehe ins Kino und ins Theater, höre Musik, treffe Menschen und treibe in der Freizeit Sport, in der ich nicht schreibe, was ich aber doch meistens tue.

 

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